Seit einiger Zeit geistern wieder verstärkt Forderungen nach einem sog. Freistaat Südtirol (also die Loslösung aus dem italienischen Staatsgebilde und die Schaffung eines eigenen “Staates Südtirol”) durch die Medien. An sich nichts Neues, da seit den 1960er-Jahren versucht wurde, ähnliche Forderungen in immer wieder neuer Gestalt und teils mit terroristischer Gewalt durchzusetzen. Neu ist, dass derlei Forderungen letzthin auch von Mitbürger/inne/n unterstützt werden, von denen man es eigentlich nicht erwarten würde, so etwa von den “Jungen Grünen” Südtirols oder der Chefredaktion des Wochenmagazins ff.

Ich behalte mir eine ausführliche Stellungnahme vor, da mir dazu gegenwärtig die Zeit fehlt (es stehen ja u.a. die Wahlen zum EU-Parlament an, bei denen wir als “Italia dei Valori Südtirol” gut mitmischen möchten), aber soviel vorab: Ich betrachte genannte Forderungen als völlig unzeitgemäß und schäbig:
– unzeitgemäß, weil Grenzen immer mehr abgebaut werden (nicht nur in Europa) und da wäre ein neuer Staat mit neuen Grenzen wohl ziemlich fehl am Platze;
– schäbig, weil in niederträchtiger Weise versucht wird, die gegenwärtige weltweite Wirtschaftskrise gegen Italien auszuspielen (etwa mit den Phrasen wonach Italien “bankrott” sei oder zu strenge Gesetze bezüglich Rauchverbot und Promillegrenze im Straßenverkehr habe).
Dass das Freistaat-Geschwätz teils von Leuten kommt, die einerseits gegen den Staat Italien geifern und andererseits auf dessen Kosten leben (wie der Landtagsabgeordnete der “Südtiroler Freiheit” Sven Knoll, der sich mit seinen fast 30 Jahren als “Student” ausgibt, also praktisch arbeitslos ist, aber als Abgeordneter monatlich ca. 8.000 Euro netto kassiert), macht das Ganze nur noch unglaubwürdiger.

Einen treffenden Leserbrief hat diesbezüglich Dr. Karl Trojer aus Terlan geschrieben, weshalb ich den betreffenden Text anbei wiedergebe:

Leserbrief Dr. Karl Trojer | 2009-03-31

Abtrennung

Selbstbestimmung

von Karl Trojer, Terlan

Zurzeit ist das Wort „Selbstbestimmung“ in aller Munde. Welches „Selbst“ ist jeweils gemeint? Worüber soll „bestimmt“ werden? Darüber besteht Verwirrung. Mit „Selbstbestimmung“ kann man nicht marktschreierisch umgehen. Selbstbestimmung im Sinne einer Abtrennung Südtirols von Italien ist aus europäischer Sicht und rechtlich nicht realistisch. Da frage ich mich: Ist so ein Spiel mit „Selbstbestimmung“ fair oder schamlos unehrlich oder ganz einfach dumm? Soll Europa in ein Chaos von Kleinstaaten oder extrem ungleichen Regionen (Südtirol, Padania, Bayern …) zerfallen? Das derzeitige Europa mag alle möglichen Mängel haben (wer von uns hat diese nicht?), es ist aber eines der wenigen nachhaltigen Friedensprojekte dieser Erde, und dies trotz der „Staaten“, die im Sinne von Subsidiarität und Solidarität eine hierarchische Mittlerfunktion wahrzunehmen haben. Es ist unsere Aufgabe, unsere Autonomie zu leben und gemeinsam weiterzuentwickeln. Andernfalls entstehen neue Risse durch unsere Familien, wie sie sich aus der Situation Optanten/Dableiber ergeben hatten.

Nachtrag 2009-05-14:
Trefflich auch ein Leserbrief von Dr. Egmont Jenny, Urgestein der Südtiroler Sozialdemokratie; auch diesen Beitrag gebe ich nachfolgend wieder.

Leserbrief

Leserbrief Dr. Egmont Jenny | 2009-05-14

Selbstbestimmung

Zündeln

von Dr. Egmont Jenny, Dorf Tirol

Seit Monaten bestimmen die beiden L.-Abg. Eva Klotz und Sven Knoll, die als „Südtiroler Freiheit“ 4,9 Prozent der Südtiroler Wähler vertreten, die politische Agenda in Südtirol. Das Rezept dafür ist ebenso einfach wie simpel: Unter dem Deckmantel eines fragwürdigen Antifaschismus werden laufend antiitalienische Provokationen lanciert, die prompt die heftige Reaktion der italienischen Rechten auslösen. Im Zeichen dieser permanenten ethnischen Auseinandersetzung wollen diese Kreise nicht näher definierte Selbstbestimmungsphantasien verwirklichen, die mit den Grundprinzipien des Vereinten Europa unvereinbar sind. Dabei wird bewusst ignoriert, dass die österreichisch-deutsche Minderheit in Italien bereits heute durch ihre autonomen Institutionen ihre politische, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung weitgehend selbst bestimmt. Es ist klar, dass durch dieses unverantwortliche Treiben die Beziehungen zwischen den Volksgruppen und die autonomen Institutionen schwersten Schaden nehmen. Es ist erfreulich, dass endlich maßgebende Politiker der SVP, aber auch einzelne Bürger offen für die Verteidigung dieser Autonomie eintreten, während dagegen die rechtslastigen deutschen Oppositionsparteien aus dieser nationalistischen Hetze parteipolitisches Kapital schlagen.

Shortlink: http://wp.me/pdCW4-63

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